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3 Tage Kappadokien (Oktober 2004)  Äußerst pünktlich fuhr unser Bus vor das Washington Resort vor. Schnell war unser Koffer eingeladen. Und ehe wir uns versahen, fuhr unser Fahrer über die D400 hinweg und strebte den Bergen entgegen. Unser Reiseleiter nahm das Mikrofon zur Hand und begrüßte, da wir wohl die letzten Reisenden waren, noch einmal alle Teilnehmer. Er beschrieb kurz den Ablauf des heutigen Tages und betonte, daß er zwischendurch immer wieder erklärende Worte abgeben werde. Sei es unterwegs, während der Fahrt oder an den Haltepunkten. Ansonsten versprach er uns eine erlebnisreiche Tour, an die wir noch lange zurückdenken werden. Wir fuhren eine kurvenreiche Strasse, die D695, steil bergauf in die Berge. Serpentinen an wild-romantischen Berghängen. Ab und zu konnten wir hinter uns das Mittelmeer sehen. Je höher wir kamen, um so dichter wurden die Wälder. Bei Aksam verließen wir die D695 und wandten uns gen Osten. Gegen zehn Uhr hielt unser Bus vor einer Art Raststätte vor dem Ort Yarpuz. Hier sollten wir ein Frühstück einnehmen und Kaffee oder Tee trinken. Katharina und ich lehnten dankend ab. Hatten wir doch erst vor kurzem gefrühstückt. Für die Mitfahrer aus dem Bereich Alanya war diese Rast sicher sehr Willkommen. Die hatten bestimmt noch kein Frühstück im Hotel einnehmen können. Wir nutzten die Gelegenheit und musterten unsere Mitfahrer. Es waren alle Altersgruppen vertreten. Von älteren Rentnerpaaren bis hin zu jugendlichen Pärchen. Und wir entdeckten das Pärchen, denen wir in Alanya im Reisebüro begegnet waren. Es kam zu einer kurzen, herzlichen Begrüßung und dann saßen wir auch schon wieder im Bus. Die weitere Fahrt die Berge hinauf dauerte höchstens zehn Minuten, da hielt unser Bus erneut. Wir hatten den höchsten Punkt unserer Taurus-Überquerung erreicht. Die Passhöhe Alacabel in 1.825 m Höhe. Hier sollten wir nun die Aussicht genießen und uns einen Kristall als Souvenir suchen, der hier in großen Mengen herumlag. Zur Demonstration hob unser Reiseleiter einen Stein auf und schleuderte ihn zu Boden, worauf dieser zersprang und die kristalline Struktur zum Vorschein kam. Katharina und ich betätigten uns nicht an der Suche, sondern genossen die Aussicht und fröstelten vor uns hin. Denn hier oben war es noch recht kühl, obwohl die Sonne bereits hoch am hellblauen, wolkenfreien Himmel stand. In dieser Höhe gab es nur noch wenige, krüppelige Nadelbäume, etwas trockenes Gras und ansonsten nur Geröll und bröckeligen Fels. Im Süden sahen wir den 2.560 Meter hohen Yildizli Daği und vor uns den Esereyrek Daği mit knapp 2.100 Metern. Wir blieben noch etwa drei Kilometer auf dieser Strasse, dann bog unser Fahrer nach Norden ab. Von jetzt an ging es fast nur noch sacht bergab. Wir durchfuhren schmale Täler, breite Täler, sahen rechter Hand einen großen See, den „Suğla Gölü“. Durchquerten die Ortschaft Susuz und umfuhren Seydişehir. Hier gelangte unser Bus auf die D696, die uns über etwa 120 Kilometer bis nach Konya bringen sollte. Konya selbst befindet sich unmittelbar vor den östlichen Ausläufern des Taurus-Gebirges. Es ist eine Millionen-Stadt und liegt ca. 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Hier wurde der Mevlana-Orden gegründet, besser bekannt als „tanzenden Derwische“. Ein mystischer Orden, deren Mitglieder Toleranz und Friedfertigkeit predigten. Das Kloster dieses Ordens ist heute das meistbesuchte Museum der Türkei nach dem Topkapı in Istanbul. Und dieses Museum steuerten wir nun an. Rechts von der Moschee mit ihrem weißen Minarett betraten wir den Innenhof des Museums. Mit uns betraten sehr viel Einheimische die heilige Ruhestätte von Mevlana, dem Ordensgründer. Eine in Marmor gehauene Inschrift besagte, daß dieses Museum („Mevlana-Müzesi“) bereits 1926 eingerichtet worden war. Im Inneren fielen besonders die vielen, seitlich postierten Särge auf. Auf ihnen lagen riesige Turbane in unterschiedlichen Größen, die wohl jeweils die Bedeutung des Verstorbenen zum Ausdruck bringen sollten, denn der Sarkophag von Mevlana war mit dem größten Turban versehen. Und es war der mit großem Abstand imposanteste Sarg. Er stand auch völlig allein an einem Platz, der in christlichen Kirchen den Altar aufnahm. Die Wände waren mit goldenen arabischen Koransprüchen verziert. Auch sonst waren die Wände mit vielen gerahmten Koransprüchen versehen, die in arabischer Sprache abgefaßt waren. In einem Teil des Raumes waren Musikinstrumente ausgestellt. Verschieden große Flöten, lautenähnliche Zupfinstrumente, eine Art Geige, Rhythmustrommeln und einige kleine, dreisaitige Holzinstrumente. Etwas weiter hing ein geknüpfter Seidenteppich an der Wand, der ebenfalls einen Koranspruch aufwies. Im hinteren Teil des Museums waren mehrere per Hand verfaßte Koranschriften ausgelegt. So der angeblich größte Koran der Welt und daneben der angeblich kleinste Koran, bei dessen Erstellung die junge Frau über die vielen Jahre blind geworden sein soll. Ein gläserner Schaukasten beherbergte eine gar nicht so reich verzierte Schatulle, deren Inhalt aus einem Barthaar des Propheten Mohammed bestehen soll. Hier standen immer wieder viele Gläubige davor und beteten. In diesem Augenblick war Fotografieren natürlich tabu. Nach einer halben Stunde verließen wir dieses Museum und strebten der Ausfallstrasse entgegen. Hier war an einer Raststätte das Mittagessen für uns bestellt. Das Essen in Buffetform und die Getränke waren im Preis angemessen. Und nachdem alle Mitreisenden sich am Buffet, nicht zu vergleichen mit dem im Hotel, gütlich getan hatten, ging es auch schon weiter. Gut 230 Kilometer auf der D300 bis nach Ürgüp. Wir durchfuhren eine trostlose, nur von wenig Erhebungen und Orten geprägte Ebene. Die Hochebene von Konya. Hier, in 1.000 Meter Höhe war ein Hauptanbaugebiet von Kartoffeln und Zuckerrüben. Auch war es die Kornkammer der Türkei. Kein Wasserlauf war zu sehen. Kein Baum, kein Strauch. Nur trockene Äcker und abgeerntete Getreidefelder, soweit das Auge reichte. Unser Reiseführer versicherte uns aber, daß Wasser im Überfluß vorhanden sei. Man müßte es nur aus dem Untergrund heraufholen und die Felder damit beregnen. Die Hochebene von Konya bestehe aus einer gewaltigen Schicht Tuffstein, durch das alle Niederschläge schnell versickern. Dieser Tuff sei durch viele gewaltige Vulkanausbrüche des Hasan Daği und des Erciyes Daği, beides Gebirgsmassive mit weit über 3.000 Metern, über Jahrtausende abgelagert worden. Aber das würden wir noch alles sehen und dann auch viel besser begreifen, beschwichtigte er uns. Über uns brannte die Sonne. Keine Wolke zeigte sich am Himmel. Rechts und links eine trostlose Ebene und vor uns eine fast schnurgerade Strasse. Es war so langweilig, daß es schon wieder faszinierend war. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Nicht in diesen Ausmaßen. Hinter Aksaray, kurz vor Nevşehir bogen wir nach rechts von der Hauptstrasse ab. Nach einigen Kilometern Fahrt kam ein typisches, anatolisches Dorf in Sichtweite. Flache, aus Naturstein gemauerte, kaum verputzte Häuser mit roten Ziegeldächern. Kein Busch und kein Baum versperrte die Sicht auf Hof und Viehzeug. Wir hielten an und stiegen aus. Unser Reiseleiter erklärte uns, daß wir nun eine der unterirdischen Städte Kappadokiens besichtigen würden. Diese Stadt zählte zwar nicht zu den größten Städten, die früher bis zu 30.000 Menschen, inklusive Viehzeug aufgenommen hätten, aber sie würde auch über fünf Etagen in den Tuff gehen. Und auch hier könnten wir alles sehen, was so eine unterirdische Stadt ausmachte. Also bitte folgen. Wir gingen um eines der Gehöfte herum und standen vor dem Eingang zur unterirdischen Stadt. Eine schmale Treppe führte in die Tiefe. Die Wände waren glatt und fühlten sich kalt und hart an. Auf der ersten Ebene erklärte uns die Reiseleitung die Entstehung dieser Unterirdischen Behausungen. Entstanden seien diese Räume während der Römerzeit. Die ursprünglichen Eingänge lagen versteckt in den oberirdischen Häusern. Die unterirdischen Städte dienten den damaligen ersten Christen als Fluchtsiedlung. Sie beherbergten neben den Menschen auch deren Hausvieh. Es gab Wohnungen, Stallungen, Lagerplätze für Futter, Speicher, Kirchen und Klöster. Die Versorgung mit Atemluft erfolgte über ein ausgeklügeltes System von Luftschächten, welche gleichzeitig als Brunnen fungierten. Die Verständigung untereinander erfolgte über ein System kleiner Löcher zwischen den einzelnen Wohnungen. Diese Räume seien auch außerhalb der Kriegszeiten und der Christenverfolgung genutzt worden, weil es hier unten im Sommer angenehm kühl und im Winter warm sei. Die Bearbeitung des Tuffgesteins sei recht einfach gewesen, denn erst die Verbindung mit Sauerstoff ließ dieses Gestein hart werden. Wir besahen uns die vielen, verschieden große Räume und Schächte der ersten und zweiten Etage. Befühlten die mühlsteinähnlichen Steinbrocken, die im Bedarfsfall vor einzelne Gänge gerollt werden konnten, um sie vor Verfolgern zu verschließen. Der Wechsel von einer Etage zur nächsten erfolgte durch schmale geschlungene Gänge oder durch Holzleitern. Obwohl fast alles beleuchtet war, konnten wir in den Schächten nie bis zum Boden sehen. Laut Angabe des Reiseleiters war diese Stadt etwa 20 Meter tief in den Tuff gegraben worden. Andere Städte waren sogar bis zu 55 Meter tief und hätten eine Gesamtfläche von bis zu 4 km². Man ginge sogar davon aus, daß einige Städte durch kilometerlange Gänge miteinander verbunden seien. Die bisher entdeckten unterirdischen Städte seien noch nicht alle völlig erforscht und immer wieder würden neue Höhlensysteme bei Steinbrucharbeiten freigelegt. Man könne davon ausgehen, daß die ganze Gegend wie ein löcheriger Käse gestaltet sei. Wieder im Tageslicht kaufte ich mir an dem einzigen Kiosk einen Reiseführer für Kappadokien, der aber die Fülle an Sehenswürdigkeiten gar nicht zeigen konnte, wie ich später feststellen konnte. Unser Bus rumpelte wieder zur D300 nach Nevşehir. Diese Stadt, deren Felsenwohnungen wir im Licht der untergehenden Sonne von der Strasse aus bewundern konnten, umfuhren wir auf einer vierspurigen Strasse und strebten unserem Zielpunkt Ürgüp entgegen. Hier bezogen wir in der „Neustadt“ unser Zimmer in einem bescheidenen Tourist-Hotel. Einfachstes Zimmer, trostloses Bad mit Dusche. Es wirkte alles etwas schmuddelig, aber zwei Nächte würden wir es hier wohl aushalten. Das Abendessen war bereits gerichtet. Die dürftige, warme Kost nebst Salat wurde uns zugeteilt. Nur Ekmek gab es reichlich. Das Weißbrot war in der Türkei ja auch spottbillig. Nach dem Essen, zu dem wir gewohnheitsgemäß ein Glas Rotwein getrunken hatten, begaben wir uns in den Aufenthaltsraum, tranken einen „Raki“ und bestellten noch einen Wodka mit Lemon. Kurz darauf machte die Bedienung einen großen Fehler. Sie kassierte schon mal die Getränke ab. Als ich den Preis hörte, wollte ich es nicht glauben. Für zwei Gläschen Rotwein, zwei „Raki“ und zwei Longdrinks sollte ich 24 Euro bezahlen. Soviel hätte ich noch nicht einmal in unserem „Fünf-Sterne-Hotel“ begleichen müssen. Jetzt war mir klar, warum die „Kappadokien-Tour“ so preiswert war. Über die Getränke holte der Gastronom das Geld wieder herein, das er beim Übernachtungspreis an Rabatt geben mußte. Auf eine weitere Bestellung verzichtete ich daraufhin. Um bereits ins Bett zu gehen, war es noch zu früh. Daher beschlossen Katharina und ich, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Im Licht der Strassenlaternen wanderten wir die Strasse hinauf. Vorbei an Wohnblocks, einigen Hotels und kleineren Geschäften, die noch geöffnet hatten. Wir überquerten mehrere Seitenstrassen an denen ebenfalls Wohnblocks und vereinzelt Einfamilienhäuser standen. Von der näheren Umgebung konnten wir leider nicht viel sehen. Immerhin erblickten wir am gegenüberliegenden Berghang, im Schein einiger weniger Laternen, Höhlenwohnungen, die teilweise noch bewohnt schienen. Vor den meisten dieser Wohnungen befanden sich gemauerte Vorbauten, aber es blickten auch viele dunkle Fensterlöcher auf uns herab. Da kein direkter Weg zu diesen vorsintflutlichen Behausungen führte, drehten wir nach etwa einem Kilometer wieder um und spazierten zum Hotel zurück. Sicherlich bekamen wir an den nächsten Tagen noch die Gelegenheit, uns diese Unterkünfte von nahem zu betrachten. Nach dem Frühstück, welches auch nicht sehr üppig ausfiel, starteten wir zu unserer Rundreise. Der Bus fuhr in Ürgüp die gleiche Strasse auf der wir tags zuvor in den Ort hinein gefahren waren, bog dann aber an einer Kreuzung nach links ab. Die kurvenreiche Strasse durch die Landschaft war schmal, aber ordentlich geteert. Nach wenigen Kilometern hielten wir auf einem Schotter-Parkplatz. Von hier oben hatten wir eine gute Übersicht auf das vor uns liegen Tal „Pasabag“. Unter uns massenweise „Feenkamine“. Keine dieser kegelförmigen Tuffgebilde wiesen von Menschenhand geschaffene Höhlen oder sogar Wohnungen auf. Trotzdem war der Anblick dieser, durch Jahrtausende währende Erosion geschaffenen Formation faszinierend. Ich hatte so etwas zwar schon auf Fotos gesehen, aber in natura war der Eindruck natürlich viel imponierender. Wir fuhren die Teerstrasse weiter hinab ins enge Tal und hielten auf einem anderen Parkplatz. Hier standen auch einige Verkaufsstände mit Souvenirartikel und Handwerkskunst aus der Gegend. Katharina erstand eine Art Poncho, weil der Wind viel feinen Staub aufwirbelte und es außerdem, trotz der gleißenden Sonne, doch etwas kühl war. Wir wanderten durch die Seitentäler und fotografierten, was das Zeug hielt. Ein Felsen sah aus wie ein Kamel. Eine andere Formation wirkte wie dunkle Robben auf hellem Felsen liegend. Wieder andere hatten die Gestalt von übergroßen Pilzen. Und ein Tuffgebilde sah aus wie ein erigierter Penis. Die Felsen leuchteten in allen Brauntönen. Von fast weiß, über beige, rehbraun, bis hin zu den dunkelbraunen Kappen. Die Landschaft um diese Felsformationen wies außer dürrem, trockenem Gras nur wenig Bewuchs auf. Lediglich einige Büsche trotzten der allgemeinen Trockenheit. Dann ging es auch schon weiter zum „Pancalik-Tal“. Hier sahen wir die ersten, allerdings nicht mehr bewohnten Felsenwohnungen. Einer der „Feenkamine“ beherbergte eine Kapelle, deren Fresken und Wandbemalungen noch gut erhalten waren. Wir konnten alle Räume begehen. Selbst die weiter oben liegenden waren durch Leitern zu erreichen. Wieder klickte mein Fotoapparat. Das Tal selbst, das sich zu einer kleinen Ebene öffnete, wies neben dem dürren Gras sogar einige Bäume auf. Und Wein wurde hier angebaut. Dieser Wein wurde aber nicht, wie in Deutschland hochgebunden, sonder lag auf der trockenen Erde. Auch hatte man nicht einzelne Blatttriebe entfernt, sondern beließ diese am Rebenstock, damit sie den Trauben Schatten spenden konnten. Denn die Sonne meinte es wirklich gut. Wir fuhren weiter nach Avanos. Es war uns die Besichtigung einer Töpferei angekündigt worden. Dort angekommen, durften wir einer Vorführung beiwohnen. Ein schon betagter Töpfer zeigte uns an einer noch älteren Töpferscheibe, wie eine Tonvase entsteht. Anschließend durfte auch ein Mitglied unserer Reisegesellschaft seine Fingerfertigkeit beweisen. Was erwartungsgemäß etwas daneben geriet. Im Verkaufsraum wurden uns dann die Töpferwaren erklärt. In dieser Töpferei wurden neben einfachen Tonkrügen auch Figuren, Wandteller, Vasen und Fliesen produziert. Die handbemalten und lasierten Stücke wiesen Ornamente und Farben aus verschiedenen Kulturepochen auf. So gab es Stücke in Brauntönen, die der seldschukischen Zeit nachempfunden waren. Oder mit blauen Mustern versehene Teller, Schalen und Vasen aus verschiedenen osmanischen Epochen. Aber auch moderne Keramiken, die in ihrer farbigen Fröhlichkeit an Hundertwasser erinnerten. Im Anschluß an diese Besichtigung fuhren wir zu einer verlassenen Felsenstadt. Çavuşin, ungefähr im 5. Jahrhundert nach Christi entstanden, war ursprünglich von einer griechischen Bevölkerung bewohnt. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts mußte diese dann im Rahmen eines Bevölkerungsaustausches den Ort aufgeben und sich in Griechenland niederlassen. Çavuşin wurde daraufhin von heimgeholten Türken besiedelt. Später, nach dem 2. Weltkrieg, wurden in unmittelbarer Nähe ein neuer Ort geplant und gebaut, da die Felsenwohnungen mit der Zeit unbewohnbar wurden. Den heimgekehrten Türken fehlte es einfach an den notwendigen Kenntnissen, die in den Tuffstein gehauenen Wohnungen instand zu halten. Nun war die alte Stadt endgültig den Einflüssen des Wetters ausgesetzt und verfiel immer mehr. Viele Wohnungen waren bereits eingestürzt. Teilweise konnte man durch den Berg hindurchsehen. Wir mußten die Augen zukneifen. So hell leuchteten der Fels und die gemauerten Vorbauten in der hoch stehenden, gleißenden Sonne. Die ursprünglichen Wege zu den oberen Felsenwohnungen waren mit allerlei Geröll und Mauersteinen bedeckt, sodaß es eine richtige Kletterpartie wurde. Aber der Aufstieg auf den Berg lohnte sich. Gab es doch noch einige gut erhaltene Wohnungen, die uns einen guten Eindruck auf die ehemalige Nutzung vermitteln konnten. Außerdem hatten wir von oben einen tollen Blick auf das im Tal befindliche Hotel „The Village Cave“ mit seinen modern eingerichteten Felsenzimmern und den weiter oben befindlichen Höhlungen ehemaliger Grabkammern. Am Horizont sahen wir unser nächstes Ziel Göreme und auf der anderen Seite des Berges blickten wir auf die Dächer des „neuen“ Ortes, viele Weingärten und einige „Feenkamine“ mit ihren dunklen Kappen herab. Ein schneeweißer Bergrücken beherrschte den Mittelgrund. Wieder unten angekommen, tranken wir im Garten des einzigen bewohnten Hauses, ein „Lokanta“, einen „Ayran“ und ein Glas Tee und informierten uns über die Übernachtungspreise des Hotels. Laut Reiseleiter kostete ein normales Doppelzimmer mit Frühstück für zwei Personen ab 70 Euro. Und schon ging die Fahrt weiter. Bevor wir nach Göreme hineinfuhren, hielten wir noch am „Göreme open-air-Museum“. Hier hatten wir die Gelegenheit, voll eingerichtete und teilweise noch bewohnte „Feenkamine“ zu besichtigen. Im Ort selbst fuhren wir ein Restaurant an, um zu Mittag zu essen. Katharina und ich zogen es aber vor, uns abzusondern, um im Ort einen Imbiß zu suchen. Ein paar Strassen weiter fanden wir ein „Pide salonu“. Und als wir uns bereits „Lahmacun“, gefüllte Teigtaschen in Schiffchenform bestellt hatten, trafen auch andere Teilnehmer aus unserer Reisegruppe ein. Hier war es ja auch viel ursprünglicher und preiswerter als im „Restoran“. Auf dem Rückweg zum Bus machte ich noch ein paar Fotoaufnahmen vom Göreme-Tal. Überall zwischen den “modernen” Häusern ragten die „Feenkamine“ empor. Die Felsen im Hintergrund leuchteten in verschiedensten Farben. Weiß überwog. Aber auch graue, grüne und rote Steilhänge und Felsschichten leuchteten in der Sonne. Auf der Hochebene standen schwarze Gebilde, die ich als Kalderas ehemaliger Vulkane deutete. Während auf den Bergen, oder besser Hochebenen nur dürres Gras wuchs, an dem sich Ziegenherden gütlich taten, wuchsen im Tal Pappeln, Obstbäume und Wein. Unsere nächste Station war Mustafapasa. Eine kleine Ortschaft, in welcher wir beim Teppichknüpfen zusehen sollten. Die Gelegenheit dazu bekamen wir nicht in einer Manufaktur, sondern in einer Ausbildungsstätte. Hier wurden Frauen und Mädchen zu Teppichknüpferinnen ausgebildet. Dieses Wissen sollte ihnen ermöglichen, durch Heimarbeit zum Lebensunterhalt beizutragen. Selbstverständlich wurden uns auch hier wieder alle Arten von Teppichen gezeigt und Erläuterungen abgegeben. So erfuhren wir, daß die Größe der Teppiche von der Verwendung dieser Beläge durch die nomadisierende Bevölkerung abhing. Es gab bestimmte Größen für den Fußboden, als „Kopfkissen“, als Überwurf, als Schlafstätten und als Wandbehang. Die Abmessungen waren durch die Beschaffenheit der transportablen Unterkünfte, sprich Zelte mehr oder weniger genormt. Inzwischen würden aber auch, dem Zeitgeist entsprechend, andere Größen gefertigt. Selbst runde Teppiche gäbe es inzwischen für den europäischen Markt. Auch würde man inzwischen nicht nur die alten Muster knüpfen, sondern auch schon moderne Ornamente verwenden. Da weder Katharina noch ich Interesse an einem Kauf hatten, bekam ich keine Information bezüglich der Preise. Auf dem Rückweg zum Hotel unterbreitete uns unser Reiseleiter das Angebot, am Abend an einer Veranstaltung namens „Tausend und eine Nacht“ teilzunehmen. Es gäbe dort folkloristische Darbietungen, etwas zu essen und alle Getränke frei. Pro Kopf sollten wir 15 Euro dafür bezahlen. Katharina und ich griffen zu. Erschien uns dieses Angebot doch äußerst günstig, wenn wir die Getränkerechnung vom Vorabend als Vergleich hinzuzogen. Wir fuhren diesmal von der anderen Seite nach Ürgüp hinein, sodaß wir jetzt auch die „Altstadt“ sahen. Wären wir am gestrigen Abend nur 500 Meter weiter gegangen, hätten wir schon gestern hier lustwandeln können. Daß uns die Kenntnis über die Lage des Ortes bei der Anreise vorenthalten wurde, hielten wir für beabsichtigt. Wir waren der Auffassung, daß unsere Reiseleitung sehr bewußt darauf achtete, daß wir überall da, wo er anhalten ließ, auch unser Geld ließen. Schon am Mittag hatten wir den Eindruck, daß unser Alleingang nicht in seinem Sinne war. Bis zu unserem Abendessen im Hotel war es noch lange hin. Ich wollte die Zeit nutzen und in die Altstadt gehen. Katharina hatte aber keine Lust dazu. Sie war müde und wollte etwas schlafen. Somit marschierte ich allein los. Die Strasse hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Schon stand ich am Busbahnhof. Dort fand ich ein Geschäft, in dem ich den Spiegel von dieser Woche kaufen konnte. Gleichzeitig ließ ich mir zwei Packungen leichter, türkischer Zigaretten aufschwatzen, da sie meine Sorte nicht hatten. So mit dem Nötigsten bewaffnet, setzte ich mich an einen Tisch vor einer „Pastane“, trank einen Cappuccino, aß ein Stück Kuchen und las in meinem Spiegel. Dann war es auch schon wieder Zeit, ins Hotel zu gehen. Auf dem Rückweg betrachtete ich noch einmal von weitem die Felsenwohnungen über Ürgüp, die wir schon gestern erahnen konnten. Die besiedelten Bereiche wirkten jetzt recht wohnlich. Und da wir schon einige möblierte Zimmer gehen hatten, konnte ich mir gut vorstellen, wie bequem und angenehm klimatisiert diese Wohnungen waren. Eines dieser „Häuser“ beherbergte sogar das „Museum-Hotel-Ürgüp“. Zwei Personen im Doppelzimmer mit Frühstück ca. 70 Euro, Halbpension 90 Euro. Wenig später fuhren wir durch die Dunkelheit. Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt kam unser Reiseziel in Sichtweite. Schon von weitem war die Gaststätte durch die helle Beleuchtung auszumachen. Auf dem großen Parkplatz standen bereits mehrere Busse. Unser Reiseleiter ging vorneweg und geleitete uns durch den gemauerten Teil, vorbei an Gasträumen, Sanitärbereich und Küche, zum Saal. Der bestand aus einer großen Freifläche, von dem sternförmig tiefe Gewölbe in den Tuff getrieben worden waren. In jedem Gewölbe befanden sich links und rechts lange Tafeln für etwa 16 Personen sowie etwas erhöht noch einmal zwei lange Tische. Eine dieser Nischen war für uns reserviert. Auf den Tischen standen bereits einige Snacks. Knabberzeug, Nüsse, Zucchinistreifen, verschiedene Käse, kalte „Lahmacun“, „Ekmek“ und ein Yoghurtdip. Auch die Getränke standen schon bereit: Limonaden, Wasser, Wein, Wodka, „Raki“. Kaum hatten wir unsere Plätze eingenommen, wurde das Licht über der Freifläche abgedunkelt und die erste Tanzgruppe betrat den Raum. Sie vollführte für uns den „Drehtanz“ der „tanzenden Derwische“. Danach folgte die Darbietung einer Bauchtänzerin. Dann folgte ein Schwertertanz. Der „Kiliς Kalkan“ soll an die Eroberung der Stadt Bursa erinnern. Nach einer kurzen Pause bot die dabei schwarz gekleidete Truppe noch den „Horon“, ein Volkstanz aus der Schwarzmeerregion und den Löffeltanz („Kaşik Oyunu“). Den Abschluss bildete der „Zeybek“, ein Tanz in kriegerischen Kostümen, der in der Ägäis beheimatet ist. Währen der Vorführungen, zu denen auch Gäste von den Tischen geholt wurden, knabberten wir unsere Snacks und sprachen den Alkoholika, die ständig nachgeschenkt wurden, heftig zu. Als der Abend zu einem allgemeinen Tanzvergnügen in Begleitung von Türkenpop ausartete, rief unser Reiseleiter seine Schäfchen zusammen und wir traten die Heimfahrt an. Diese Investition hatte sich gelohnt. Da es keine Nachwehen gab, muteten wir unsere Mägen am nächsten Morgen das spärliche Frühstück und den Pulverkaffee zu. Kurz darauf luden wir unseren Koffer ein und nahmen Abschied von unserer Absteige. Und so steuerte unser Fahrer bereits unserem nächsten Reiseziel entgegen, Uchisar. Auch hier wieder die Felsenwohnungen. Und der riesige Felsbrocken, der auf einem der kegelförmigen Tuffgebilde schwebte. Man konnte schon glauben, daß dieser Brocken kurz vor dem Absturz stand. Aber unser Reiseleiter beruhigte uns. Dieser Fels würde schon seit ewigen Zeiten da oben liegen und sicherlich würde er selbst ein Erdbeben überleben. Ich machte noch schnell ein Foto, welches ich aber auch jedem Hochglanzprospekt über Kappadokien entnehmen konnte und schon ging es weiter zum „weißen Tal“, um auch dort das phantastische Farbenspiel der Gesteinsschichten in die Digitalkamera zu holen. Unsere letzte Station im Nationalpark Göreme war dann eine Onyx-Manufaktur in der Nähe von Ortahisar. Auch hier handelte es sich um einen Verkaufsstop. Aber wir konnten immerhin den geschickten Händen der Handwerker bei der Entstehung der Schmuckstücke zusehen. Im Verkaufsraum befühlten wir dann die verschiedenartigen Vasen, Teller, Schachfiguren und –bretter. Bewunderten die hübschen Schmuckstücke und fein geschliffenen Eier in allen Größen. Und als sich allgemeines Desinteresse breitmachte, wurden wir wieder in unseren Bus verfrachtet, um die Heimreise anzutreten. Wieder fuhren wir durch die trostlose Ebene, Konya entgegen. Etwa auf halber Strecke wies unser Reiseleiter den Fahrer an, nach rechts abzubiegen. Er wollte uns noch die Ruinen einer alten Karawanserei zeigen. Nach der Karte mußte sich dieses Bauwerk in unmittelbarer Nähe des Dorfes Obruk befinden. Aber den türkischen Karten darf man nicht blindlings vertrauen. Da ist das Militär davor! Kaufen Sie sich mal mehrere Autokarten für die Türkei. Dann werden Sie feststellen, daß es immer wieder zu erheblichen Unterschieden beim Strassenverlauf und der Namensgebung von Orten und Landschaften kommt. Ich also nahm an, daß wir jetzt in der Nähe von Obruk waren (später fand ich schriftliche Hinweise auf diesen nicht sehr bekannten Ort, die meine Vermutung bestätigten). Die alte Karawanserei Obruk Han war nur eine von vielen an der uralten Handelsstrasse. Sie war ursprünglich aus den Resten alter christlicher Kirchen erbaut worden, was man unschwer an den Ornamenten und Kreuzen der mächtigen, behauenen Steine erkennen konnte. Die Decken waren teilweise eingestürzt und nur wenige Bögen waren noch erhalten. Der Schutt lag in den Räumen und noch kein Archäologe hatte hier einen Spaten, Kelle oder Pinsel angesetzt. Daher gab es auch nicht allzu viel zu bewundern. Aber das eigentlich Sehenswerte befand sich hinter der Ruine. Ein kreisrunder See, eine so genannte Doline, mit circa 200 Meter Durchmesser, wie in einem Krater. Das Wasser besaß eine phantastische Farbe. Es war nicht türkis und nicht hellblau. Irgendwo dazwischen. Die Blaufärbung kann nur mit der Spiegelung des Himmels, der Wassertiefe (80 Meter?) und evtl. dem Magnesiumanteil im Wasser erklärt werden. Bis vor wenigen Jahren wurde die Doline zur Bewässerung umliegender Felder genutzt, eine weitere Absenkung des Bodens um drei bis vier Meter ließ jedoch das Pumpensystem trocken fallen. Die ersten 20 Meter, bis zum ersten Absatz konnte man gut nach unten gehen. Dann aber ging es noch einmal zwanzig Meter senkrecht hinab. Selbst ein geübter Kletterer würde wohl keine Stelle finden, an der er zum See hätte herabsteigen können. Am Steilhang war zu erkennen, daß sich der Wasserspiegel entsprechend der Jahreszeiten, sprich Trocken- und Regenzeit hob oder absenkte. Dieses Phänomen war auch am „Tuz Gölü“, den zweitgrößten Binnensee der Türkei, der sich nördlich von Aksaray befand, zu beobachten. Dieser See schrumpfte während der Sommerzeit um über die Hälfte zusammen und hinterließ dadurch eine 30 Zentimeter dicke fast reine Kochsalzschicht auf dem Festland. Somit avancierte er zum größten Salzlieferanten der Türkei. Andere, kleinere Salzseen auf der Ebene von Konya fielen im Sommer sogar völlig trocken. Nachdem wir auch diese Perle der Hochebene fotografiert hatten, setzten wir unsere Fahrt fort. In Konya hielten wir wieder am gleichen Restaurant, wie bei der Anreise. Und auch der weitere Verlauf der Rückreise orientierte sich streng an die Ortschaften und Raststätten, die wir bereits kennen gelernt hatten. Nur auf der Passhöhe Alacabel hielten wir nicht noch einmal an.
Als wir wieder in unserem Hotel ankamen, sahen wir noch die schweren, schwarzen Wolken eines abziehenden Gewitters. Während der Tage, an denen wir unter wolkenfreiem Himmel durch Kappadokiens Traumlandschaft fuhren und wanderten, hatte es an der Küste teilweise aufs Heftigste gestürmt und geregnet. Mit dieser Information versehen, schmeckte uns unser Abendessen im “Washington” noch viel besser, als es ohnehin schon war.
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